Raus zum 8. März – Gründe sind genug vorhanden

Hier unser Redebeitrag anlässlich des internationalen Frauen*Kampftags zum Nachlesen:

 

Das Problem heißt: Sexismus.

Antirassistischer Feminismus nach Köln

Die Silvesternacht in Köln ist noch immer in aller Munde und auch weiterhin in innerlinken Kreisen Gegenstand einer ausschweifenden Debatte.

Die massive sexualisierte Gewalt, die im öffentlichen Raum der Kölner Innenstadt stattfand und nicht nur in Deutschland, sondern weltweit in den Nachrichten verhandelt und skandalisiert wurde, wurde, wie erwartet, von Rechtspopulist_innen vereinnahmt. Basierend auf der Annahme, dass es sich bei den Tätern um „Asylbewerber“ handelt, ließen sich die Ereignisse nahtlos in den angstvoll besetzten medialen Diskurs der „Flüchtlingsproblematik“ einfügen und als real eingetretene Erfüllung der ausufernden Ängste vor „den Anderen“ stilisieren. Die schon zuvor bei rechtskonservativen, Populist_Innen und Nazis beliebte Forderung, „kriminelle Ausländer“ sofort abzuschieben, bekam mit Rückgriff auf die sich seit der Silvesternacht vermeintlich endgültig offenbarende „ausländische Gefahr“ neuen Auftrieb und nun zusätzlich breite Unterstützung durch das gesamte Parteienspektrum hinweg. Was vorher unsagbar schien, wurde schlagartig zu einer angeblich legitimen, notwendigen Konsequenz. Der Verweis auf die schutzbedürftige deutsche Frau eignet(e) sich außerordentlich gut dafür, Vater Staat die nötige Handhabe für gesetzliche Verschärfungen in Form des sogenannten „Asylpaket III“ zu gewähren, die sich auch mit dem neu aufgeflammten konservativen „Humanismus“ der Kanzlerin vereinbaren lassen.

Psychologische Abwehrprozesse – oder wie plötzlich alle zu Feministen wurden 

Aus völkisch-rassistischer Sicht muss die (bio-)deutsche Frau vor dem „ausländischen Sexmob“ –  der in Form des Asylbewerbers ein deutliches Gesicht bekommt und durch den scheinbar unaufhaltsamen Flüchtlingsstrom zu einer diffusen, übermächtigen Masse verschwimmt – beschützt werden. Unter nationalistischem Vorzeichen erscheinen die Übergriffe an Silvester als Angriff auf die Verfügungsgewalt der deutschen Männer über die deutschen Frauen und somit als Angriff auf den deutschen Volkskörper. Den deutschen Volkskörper „retten“ wollte beispielsweise auch schon der für viele Deutsche anschlussfähige Thilo Sarrazin, der, biologistisch pseudo-wissenschaftlich, die Steigerung der Geburtenrate „bio-deutscher“ Kinder forderte. Der Zugriff auf unsere Körper soll männlich-weiß-deutsch bleiben. Vereint unter dem Dach dieses deutschen Chauvinismus kann mittels Projektion der eigene Sexismus auf ein anderes, „ausländisches“ Kollektiv verschoben und jeder zum vermeintlichen Frauenrechtler werden. Der Sexismus der „Anderen“ wird in derselben Denkbewegung ethnisiert und kulturalisiert, sodass aus dem Sexismus der Ausländer der Sexismus der Muslime wird, der spätestens jetzt als Notwehrhandlung bekämpft werden muss.

Diese Projektion fungiert als (spezifischer und keinesfalls unausweichlicher) Verarbeitungsmechanismus „gesellschaftlich induzierter persönlicher, angstauslösender Krisenlagen“ und kann sich dann sehr gut entfalten, wenn es, wie im Fall der Silvesternacht, möglich ist, ihn fragmentarisch an die Realität anzubinden. Die existenziellen eigenen Ängste können auf diese Weise abgespalten, einer „Fremdgruppe“ angeheftet und durch aggressive Bekämpfung derselben abgewehrt werden.

Die ökonomischen Krisenlagen, in der sich die spätkapitalistischen Gesellschaften befinden, sind einerseits einer der Gründe des massiven Rassismus gegenüber Asylbewerber_innen. Andererseits und zugleich hat die Wirtschaftskrise auch zu einer Krise der Männlichkeit geführt, denn mit dem Verschwinden der Aussicht auf eine sichere, lebenslange Erwerbsbiographie auch für Männer, droht ein existenzieller Stützpfeiler deutsch-männlicher Identitätsbildung wegzubrechen. Gemeinsam mit der Veränderung traditioneller Geschlechterrollenbilder und dem vermeintlich massenhaften Vorstoßen von Frauen in die öffentliche Sphäre vormals exklusiv männlicher Felder des Wettbewerbs, sieht sich der deutsche Mann bewusst und unbewusst mit einer erschütternden Gefährdung der männlichen Vormachtstellung konfrontiert.

Eine Studie der Sozialforscher_Innen Andres Zick und Beate Küpper von 2011 verdeutlicht die Widersprüchlichkeiten, in welche die Mehrheitsgesellschaften Europas verstrickt sind. So stimmen 76,1 % der Befragten der These zu, „die muslimischen Ansichten über Frauen widersprechen unseren Werten“, während gleichzeitig  52,7 % der Meinung sind, Frauen sollten „ihre Rolle als Ehefrau und Mutter ernster nehmen“.

Der „Westen“ wird folglich zum Hort der Emanzipation und Frauenrechte imaginiert, während ein antifeministischer Rollback in Europa schon längst in vollem Gange ist. 

Die Ereignisse der Silvesternacht eignen sich in einer Verknüpfung von Rassismus und Sexismus dazu, die eigene innere Labilität und Identität zu stabilisieren. Während alltäglicher Sexismus verharmlost (wird) und sexuelle sowie sexualisierte Gewalt in Deutschland meist verschleiert wird (da sie überwiegend im privaten Raum stattfindet und die Rechtslage bei z.B. Vergewaltigungen für die Betroffenen noch immer höchst prekär ist),  kann der als „Sexmob“ stilisierte „ausländische“ Sexismus im öffentlichen Raum dazu dienen, sich der eigenen Männlichkeit zu versichern. Offensichtliche Bestätigung dieser These sind die sich überall bildenden „Bürgerwehren“ zum Schutz vor „Fremden“, die sich am deutschen Eigentum (ja, auch der Frau) vergehen wollen. Durch den Beweis der Hilflosigkeit der deutschen Frau kann sich der deutsche Mann wieder machtvoll und in beschützerischer Haltung über sie erheben und gleichzeitig aus „Notwehr“ in den Kampf gegen die „ausländischen Männer“ treten, um auch an dieser Front die hegemoniale Stellung, diesmal auf der Ebene Mann-gegen-Mann, in der Geschlechterhierarchie zu verteidigen und wieder zu verfestigen.

Auch Frauen haben im Bild des „unzivilisierten“, vermeintlich hoch potenten ausländischen bzw. muslimischen Mannes ihr Feindbild gefunden. AfD-Funktionärinnen Beatrix von Storch und Frauke Petry, Pegida Chefin Tatjana Festerling oder die Front National Vorsitzende Marine Le Pen ziehen ideologisch am gleichen Strang. Nicht zuletzt anhand ihrer Forderung nach einer Retraditionalisierung der Geschlechterrollen zeigt sich ihre internalisierte Misogynie.

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Die Mär von den „unveränderlichen Kulturen“ und warum aus Angst vor Rassismus Sexismus nicht unkritisiert bleiben darf

Die sexualisierte und auch sexuelle Gewalt, die in Köln ausgeübt wurde, wird z.B. aus feministischer Perspektive immer wieder mit derjenigen verglichen, die an hiesigen Großereignissen wie dem Oktoberfest oder beim Karneval stattfindet. Das macht insofern Sinn als die mediale Kritik schnell auf den Zug aufgesprungen ist, sich in kulturalisierend-rassistischer Manier zu fragen, ob es eine generelle Unvereinbarkeit der „Kulturen“ gibt, die zu einer solch massiven Form der Gewalt geführt hat. Ganz offensichtlich handelt es sich auch bei dieser Annahme einer generellen „Unvereinbarkeit der Kulturen“ um eine Abwehrstrategie, die der „deutschen Kultur“ Zugehörige davor schützt, sich mit dem eigenen Unbewussten auseinanderzusetzen sowie die eigene „Kultur“ zu reflektieren.

Die Abwertung von Weiblichkeit und der Versuch, Kontrolle über die weibliche Sexualität auszuüben, sind laut dem Sozialpsychologen Rolf Pohl Grundkonflikte einer Gesellschaft, die durch hegemoniale Männlichkeit geprägt ist. Der Islam ist, übrigens genau wie das Christentum oder das Judentum, eine Religion mit männlichem Vorherrschaftsanspruch. Trotz dieser Gemeinsamkeit ist es wichtig, jeden religiösen Fundamentalismus und dessen Auswirkungen auf die psychische Verfasstheit der Anhänger_innen sowie das unter anderem daraus resultierende Geschlechterverhältnis in der jeweiligen Spezifik zu analysieren. 

Dies bedeutet jedoch nicht davon auszugehen, dass in jedem Subjekt eine „unveränderliche Kultur“ eingeschrieben ist, die voll und ganz auf eine bestimmte religiöse Zugehörigkeit zurückzuführen ist. Das In-eins-setzen von Herkunft, Kultur und Religion ist eine falsche Verknüpfung, die sowohl seitens Kulturrassist_Innen vorgenommen wird, wenn sie sexuelle Gewalt auf eine Religionszugehörigkeit reduzieren wollen, als auch seitens vermeintlich antirassistisch eingestellter Menschen, die Islamkritik per se als rassistisch empfinden, so als würde sich jedes Subjekt aus einer islamisch geprägten Gesellschaft automatisch voll und ganz mit der Religion des Islam identifizieren. Das Problem, welches bei der Verwendung eines statischen Kulturbegriffs entsteht, ist, dass ganzen Gesellschaften ein quasi natürlicher „Volkscharakter“ zugeschrieben wird, sodass  selbst radikale Linke, die sich dieses Denkmusters bedienen, sich weit von emanzipatorischer Gesellschaftskritik entfernen.

„Es geht uns nicht um Reformen, es geht uns um Emanzipation“

Angesichts der tausenden Toten im Mittelmeer, der Lage von Geflüchteten in Idomeni, erschossenen syrischen Flüchtlingen an der türkischen Grenze, pogromartigen Zuständen wie in Heidenau, unzähligen Angriffen auf Flüchtlingsunterkünfte (um nur ein paar Gründe zu nennen) ist der Wunsch nach einer Abwehr von kulturalistischen Erklärungen für die Vorfälle in Köln verständlich und auch richtig. Die Forderung nach offenen Grenzen und Bewegungsfreiheit für alle Menschen muss, gerade in Zeiten von erstarkendem Nationalismus, eine Forderung von antirassistischen Feminist_Innen bleiben. Unserer Meinung nach ist aber ein plumper Kulturrelativismus in jeglicher Form abzulehnen, da er den Kern des Problems verkennt und ein erneutes Verfangen in kulturellen Apologien die Folge ist. Wer die Parole „Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat“ ernst nehmen will, muss Ideologien wie die des völkischen Nationalismus und des kulturalisierenden Rassismus angreifen, aber ebenso Religionen kritisieren, und somit auch den Islam. Dann, wenn Frauen*(körper) als Verfügungsgegenstände betrachtet werden oder als Objekte dem männlichen Subjekt zugehörig verstanden werden, wenn Männer als „Opfer“ angeblich weiblicher Verführung betrachtet werden, müssen wir intervenieren. Wir werden uns immer und überall gegen Fundamentalismus wehren, denn wir wollen nicht auf notwendige Kritik verzichten, auch dann nicht, wenn uns weiße Privilegien dafür angeblich disqualifizieren.

Es ergibt keinen Sinn, den hiesigen Sexismus als Entschuldigung für die patriarchalen Strukturen in anderen Gesellschaften und dessen Auswirkungen in unterschiedlicher Form in den  jeweiligen staatsangehörigen Subjekten heranzuziehen. Genausowenig ergibt es Sinn, verschiedene Ausprägungen der Unterdrückung von Frauen* gegeneinander aufzuwiegen. Sexismus, Homo- und Transphobie, das Patriarchat gilt es überall zu bekämpfen.  

Deshalb fordern wir: Grenzen abschaffen, Kapitalismus und Patriarchat überwinden. Gegen jeden religiösen Fundamentalismus. Für die befreite Gesellschaft, für einen antirassistischen Feminismus!

 

am 12.3. auf nach Köln oder Leipzig zu den bundesweiten Demos!

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